MEDIEN

Flexibler Theaterbetrieb als mögliches Modell
Von Oliver Meier
Die Freie Theaterszene beteiligt sich mit radikalen Vorschlägen an der Debatte um die Zukunft des Stadttheaters.
Was soll mit der Schauspielsparte geschehen? Für die Freie Szene ist der Fall klar: Weg vom Status Quo soll es gehen, hin zu einem flexiblen Theaterbetrieb, der mit dem herkömmlichen Stadttheater nichts mehr zu tun hat. «Wir möchten, dass die finanziellen Mittel effektiver eingesetzt werden und direkt der künstlerische Arbeit zugute kommen. Man sollte nicht in einen Verwaltungsapparat, son-dern direkt in die Theaterproduktionen investieren», sagt der Berner Autor Guy Krneta. Zusammen mit Vertretern der Freien Szene, darunter die Berner Regisseurin Meret Matter und Beatrix Bühler (Leiterin des Festivals Auawirleben), hat er ein eigenes Modell für ein künftiges «Schauspiel Bern» erarbeitet. Bereits im Vorfeld hat die Gruppe dem Projektleiter Cyrill Häring ihre «Konzeptskizze» vorgestellt – heute Samstag am Runden Tisch will sie ihre Ideen den versammelten Kulturvertretern unterbreiten.
Berner Zeitung, 09.05.2009
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Radikale Ideen für die Zukunft des Schauspiels
Von Oliver Meier
Auch die Freie Theaterszene beteiligt sich an der Debatte um die Zukunft des Stadttheaters – mit zwei verschiedenen Modellen.
Was soll mit der Schauspielsparte geschehen? Für die Freie Theaterszene in Bern ist der Fall klar: Weg vom Status quo soll es gehen, hin zu einem flexiblen Theaterbetrieb, der mit dem herkömmlichen Stadttheater nichts mehr zu tun hat. «Wir möchten, dass die finanziellen Mittel effektiver eingesetzt werden und direkt der künstlerischen Arbeit zugutekommen. Man sollte weniger in Betriebsstrukturen und mehr direkt in die Theaterproduktion investieren», sagt der Berner Autor Guy Krneta.
Zusammen mit Vertretern der Freien Szene, darunter die Berner Regisseurin Meret Matter und Beatrix Bühler (Leiterin des Festivals Auawirleben), hat er ein eigenes Modell für ein künftiges «Schauspiel Bern» erarbeitet. Bereits im Vorfeld hat die Gruppe der Projektleitung «Neues Theater Bern» (siehe links) eine Konzeptskizze vorgestellt. Heute am runden Tisch will sie ihre Ideen den versammelten Kulturvertretern unterbreiten. Sie stützen sich dabei auf den Projektauftrag der Regionalen Kulturkonferenz (RKK): Dieser fordert, die Freie Szene stärker einzubinden.
Vorbild Schottland
Vorgeschlagen wird ein Modell nach dem Vorbild des schottischen Nationaltheaters, das seit drei Jahren erfolgreich betrieben wird – ohne Verwaltungsapparat, ohne festes Ensemble und ohne feste Spielstätte.
Das «Schauspiel Bern» würde demnach aus mehreren «nationalen und internationalen Gruppen» bestehen, die für die Dauer von ein bis fünf Jahren engagiert werden. Jede Gruppe arbeitet als Produktionsteam und umfasst etwa zehn Personen aus verschiedenen Kunstsparten. Sie arbeiten künstlerisch autonom, können aber auf die technische Unterstützung des «Schauspiels Bern» zählen. Ausgewählt würden sie laut Krneta von einem Kuratorium aus «fachlich und politisch legitimierten» Personen.
Kein fester Spielort
Die Produktionen des «Schauspiels Bern» könnten «an jedem denkbaren Ort» in und um Bern stattfinden, meint die Freie Szene. Die Vidmarhallen sollen als Spiel- und Produktionsstätte vorerst erhalten bleiben. Längerfristig wünscht man sich jedoch ein Produktionszentrum in der Stadt. Inhaltlich soll sich das Schauspiel «kontinuierlich mit lokalen Themen und Geschichten» befassen, wobei die Bevölkerung in die Produktionen eingebunden wird.
Gemäss der Gruppe um Krneta soll dem «Schauspiel Bern» ein Budget von 7 Millionen Franken zur Verfügung stehen – dies entspricht den heutigen Verhältnissen am Stadttheater.
Kampf gegen die Oper?
Samuel Schwarz, Kopf der renommierten Gruppe 400asa, will sich damit nicht begnügen: Die Wünsche der Berner Freien Szene seien viel zu bescheiden, fand der Regisseur – und legte kurzerhand ein eigenes Modell für ein «künftiges Schauspielhaus» in den Vidmarhallen vor.
Neue Ansätze enthält das Modell allerdings kaum. Schwarz orientiert sich an der heutigen Form des Stadttheaters, will aber das Schauspiel finanziell deutlich besser ausstatten als bisher – auf Kosten der Sparte Musiktheater, die mit dem Opernbetrieb am Theater Biel/Solothurn zusammengelegt würde. Guy Krneta kann damit wenig anfangen: «Einen Kampf gegen die Opernsparte zu führen macht keinen Sinn.»
Berner Zeitung, 09.05.2009
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Einheitslohn auf Brettern
Von Adrian Riklin
Stadttheater Bern-Ende Juni stellt die regionale Kulturkonferenz Bern den Schlussbericht zu einem neuen Entwurf für das Stadttheater Bern vor. Dabei wird sich auch zeigen, wie viel Platz der «Vision für ein Schauspiel Bern» eingeräumt wird, die fünf TheatermacherInnen entworfen haben.
«Wir, national und international tätige Theaterschaffende aus der Schweiz mit Erfahrungen an Stadttheatern und in der freien Szene, wollen einen öffentlichen Diskurs anregen zu einem Thema, das an die Öffentlichkeit gehört: die Zukunft des Stadttheaters Bern.»
Mit diesen Worten beginnt ein Papier, das die Regisseurinnen Beatrix Bühler, Ursina Greuel und Meret Matter, der Dramaturg Martin Bieri und der Autor Guy Krneta verfasst haben. Vor zwei Jahren wurden sie von der Projektleitung, die von der Regionalen Kulturkonferenz Bern mit der Ausarbeitung eines neuen Konzepts für das Stadttheater beauftragt war, zu Round-Table-Gesprächen eingeladen und aufgefordert, Vorschläge zur Zukunft des Berner Theaters zu entwickeln. Im Leistungsvertrag 2008 bis 2011 wurde das Stadttheater Bern verpflichtet, ein Konzept für die nächste Subventionsperiode auszuarbeiten. Vorgabe war, ab 2012 mit 1,25 Millionen Franken weniger auszukommen (vgl. «Neues Stadttheater ab 2012»).
Abschied vom Dreispartenhaus
Die fünf Theaterleute sind überzeugt, «dass es für Bern eine Chance gibt, mit einem innovativen Modell ein Zeichen zu setzen und aus der (Finanz-)Not eine Tugend zu machen». Ihr Vorschlag, der durch die Vereinigung Freie Theaterschaffende der Schweiz unterstützt wird, ist der Versuch, die Strukturen des Stadttheaters, die aus dem 19. Jahrhundert stammen, zu überdenken und den «Arbeitsformen des zeitgenössischen Theaterschaffens gerecht zu werden».
Die «Vision für ein Schauspiel Bern» geht von einer bereits im Raum stehenden Auflösung des Dreispartenbetriebs aus und setzt eine Entwicklung fort, die mit der Verschiebung des Schauspiels in die Vidmarhallen begonnen hat. Die TheatermacherInnen betonen, dass das von Arbeitsweisen aus der freien Szene inspirierte Modell nicht die freie Szene in Bern verdrängen will. Synergien jedoch seien nicht ausgeschlossen und durchaus zu erwarten.
Mit der grossen Kelle anzurichten, verbieten schon die Rahmenbedingungen: Gemäss Angaben des Stadttheaters steht einem Schauspiel Bern ab 2012 ein Drittel des bisherigen Gesamtbudgets für die drei Sparten Schauspiel, Musiktheater und Tanz zur Verfügung. Das sind rund sieben Millionen Franken. Die beschränkten Mittel, so die Theaterleute, seien mit ein Grund für ein in der Schweizer Theaterlandschaft bislang einzigartiges Modell.
Lebendige Strukturen
Bei diesem Modell geht es laut Martin Bieri darum, «die Strukturen den künstlerischen Prozessen anzupassen». Der Kunst soll neu das Primat über die Institution eingeräumt werden. Konkret schlagen die AutorInnen des Papiers vor, dass das Schauspiel Bern künftig aus fünf nationalen und internationalen Gruppen besteht, die für ein bis fünf Jahre engagiert werden. Die Mitglieder dieser Gruppen (Techniker, Schaupielerinnen, Dramaturgen, Regisseurinnen, Bühnenbildner, Beleuchterinnen, Musiker) erhalten einen monatlichen Einheitslohn von rund 5500 Franken brutto - das ist mehr, als manche heute bekommen - und bilden das «Ensemble» des Schauspiels Bern. Jede Gruppe umfasst etwa zehn Personen aus verschiedenen Kunstsparten und arbeitet als Produktionsteam genreübergreifend und künstlerisch autonom, greift aber auch auf die betriebliche Unterstützung des Schauspiels Bern zurück und profitiert vom Austausch mit den anderen Gruppen. Welche Gruppen dabei engagiert werden, bestimmt ein Kuratorium aus fachlich und politisch legitimierten Personen, das dem Schauspiel Bern vorsteht. Der Spielplan wird von einem künstlerischen Rat festgelegt, der aus VertreterInnen der Gruppen und des Kuratoriums zusammengesetzt wird.
Nach den Vorstellungen der fünf Theaterleute soll das neue Schauspiel Bern in der ganzen Stadt und den angrenzenden Gemeinden zu Hause sein. Die Vidmarhallen dienten dabei als Produktionszentrum mit Proberäumen, Werkstätten, Technik und Administration, in denen auch gespielt werden kann. Martin Bieri: «Das Schauspiel hätte keinen festen Spielort mehr, die Aufführungen sollen an jedem denkbaren Ort stattfinden. Im Sinn der lokalen Verankerung setzt sich das Schauspiel Bern kontinuierlich mit lokalen Themen und Geschichten auseinander und sucht den Kontakt zur Bevölkerung.» Darüber hinaus sollen die Produktionen auch in anderen Städten gezeigt werden. Besonders wichtig ist den AutorInnen der Vision die Nähe zu einem Publikum, das aus allen Gesellschaftsschichten besteht: «Das Theater soll in Quartieren, Vorstädten und Dörfern die Themen aufnehmen, die die Leute beschäftigen,» sagt Bieri, «und die Menschen vor Ort aktiv am künstlerischen Prozess teilhaben lassen.»
Offene Produktionsformen
Trotz dieser ortsspezifischen Ausrichtung erhebt das Modell einen überregionalen Anspruch. Die Qualität des institutionellen Theaters in Bern soll gesteigert werden und internationalen Ansprüchen genügen. Die TheatermacherInnen orientieren sich dabei an Betrieben, die seit Jahren künstlerisch hochstehend mit offenen Produktionsformen arbeiten, wie etwa das Schottische Nationaltheater oder die belgische Produktionsplattform Campo Victoria. Ihr Modell, so Bieri, sei dabei auch ein Versuch, «die Vorteile der Arbeit in der freien Szene mit den Vorteilen der festen Häuser zusammenzuführen».
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Neues Stadttheater ab 2012
Ab 2012 muss das Stadttheater Bern faktisch mit 1,25 Millionen Franken weniger auskommen - das bisherige Budget von 23,7 Millionen Franken wird nicht der Teuerung angepasst. Anfang Mai debattierten auf Einladung von Cyrill Häring, Leiter des Projekts «Neues Theater Bern», rund hundert KulturvertreterInnen über den Entwurf für ein neues Stadttheaterkonzept, das im Auftrag der Regionalen Kulturkonferenz erarbeitet wird. Die Anregungen der DiskussionsteilnehmerInnen sollen in den auf Ende Juni angekündigten Schlussbericht einfliessen. Bereits deutet einiges darauf hin, dass Schauspiel, Tanz und Musiktheater künftig mehr oder weniger unabhängig voneinander betrieben werden sollen. Auch wird über eine Zusammenlegung von Sinfonieorchester und Musiktheater nachgedacht. Empörung ausgelöst hat der Plan, das Ballett zu streichen. Im Namen seiner KünstlerInnen ruft der Schweizerische Bühnenkünstlerverband Verwaltungsrat und Leitung des Stadttheaters sowie die Regionale Kulturkonferenz dazu auf, «diesem kulturvernichtenden Vorschlag eine klare Absage zu erteilen».
Die Wochenzeitung, 04.06.2009
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© Neue Zürcher Zeitung; 03.12.2007; Nummer 281; Seite 27
Feuilleton
«I want to make Scotland proud»
Eine unsichtbare Institution mit sichtbarer Wirkung - das National Theatre of Scotland
Mehr als 200 Jahre träumten die Schotten von einem eigenen Nationaltheater - seit Februar 2006 haben sie eins. Vicky Featherstone, 37-jährig, ehemalige Talente-Entdeckerin des Londoner New- Writing-Theaters Paines Plough, führt das National Theatre of Scotland (NTS) mit fulminantem Erfolg, und das ohne eigenes Theatergebäude.
Für die Leitung des ersten Nationaltheaters in der Geschichte Schottlands suchte der Arts Council of Scotland nach nicht weniger als einem Genie - einem schottischen Genie -, das in der Lage sei, mit dieser «invisible institution», einem Theater ohne Gebäude und Ensemble, Schottland bis in die entlegensten Winkel zu begeistern. 7,5 Millionen Pfund stehen dafür zur Verfügung, die nicht in einen Verwaltungsapparat, sondern ausschliesslich in Kunst und Künstler investiert werden. Die besten freien Theatergruppen Schottlands, die renommiertesten schottischen Autoren, die grössten Schauspieler des Landes können mit diesem Geld gewonnen werden. Ganz Schottland wird bespielt: sowohl die Theatergebäude der Hauptstädte als auch Spielorte ausserhalb von Theatern auf dem Land, den Highlands, den Inseln - der Phantasie und den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.
Statt für einen der vielen prominenten schottischen Kandidaten entschied sich die Jury zuletzt für die Engländerin Vicky Featherstone. Eine mutige, zunächst skeptisch beäugte Wahl, die sich jedoch inzwischen als goldrichtig herausstellte. Featherstone leitete seit 1997 Paines Plough, die gebäude- und ensemblelose New-Writing-Talentschmiede in London, mit internationalem Erfolg. Auch als Regisseurin zeitgenössischer Dramatik war sie beim Edinburgh Festival und am Traverse Theatre in Edinburgh angesehener Dauergast. Mit klassischen Inszenierungen von der Grössenordnung eines Nationaltheaters hat sie jedoch keinerlei Erfahrung.
Ideenfabrik für schottische Künstler
Vicky Featherstone, eine in der britischen Theaterwelt ausserordentlich beliebte Zusammenbringerin von Menschen, ist, wie sie selbst von sich sagt, furchtlos. Von ihrer Basis Glasgow aus tourte sie mit dem NTS unter den erst argwöhnischen, dann begeisterten Augen der gesamten schottischen Nation in nur einem Jahr durch 44 schottische Städte und Dörfer. Sie und ihr Team, mit John Tiffany als associate director (ehemals Co-Intendant bei Paines Plough, dann Dramaturg am Traverse Theatre), inszenierten in Flughäfen, auf Fähren, in Fabrikhallen und Hochhäusern. Das NTS gewann in diesem ersten Jahr insgesamt elf Preise und bewog die einheimische Presse zu wahren Lobeshymnen.
Eine ganze Abteilung, der NTS-Workshop, nimmt sich einheimischer Künstler an, die eine - wie auch immer gewagte - Idee haben. Diese Idee wird besprochen, beratschlagt und dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Realisation gebracht: Es werden die benötigten Künstler besorgt, die Gelder, die Technik sowie mitunter ungewöhnliche Spielorte organisiert. Beim gesamten Prozess begleitet die Theatermacher die Workshop-Leiterin Caroline Newall mit Feedback und dramaturgischer sowie praktischer Hilfe. Dreissig neue Projekte sind so bereits durch den NTS-Workshop entstanden.
Auf dem Eröffnungsstück «Home» im Februar 2006 lag ein grosser Druck - es sollte möglichst alles auf einmal zeigen, wofür das Nationaltheater steht. Gemäss dem egalitären Konzept des NTS fand es nicht in einem Theatergebäude in einem Zentrum statt, sondern Featherstone liess zehn Regisseure an zehn verschiedenen Orten im ganzen Land verteilt inszenieren: auf einem Boot in Shetland, in einem Hochhaus in Castlemilk oder einer leeren Wohnung in Aberdeen.
Die Regisseure hatten Orte gewählt, aus denen sie selber stammen. So entstanden patriotische Liebeserklärungen und Erinnerungen unterschiedlichster und persönlichster Art, mit hochkarätigen (Film-)Schauspielern besetzt. Einer der Künstler sagte, es fühle sich an, als würde man Fussball für Schottland spielen, so gross seien Verantwortung und Nervosität.
Black Watch und nationale Identität
Die am meisten besprochene Inszenierung des Jahres und des Edinburgh Festival war «Black Watch» von Gregory Burke («Gagarin Way»), in der Regie von John Tiffany, inszeniert in einer leerstehenden Fabrikhalle. Burke interviewte dafür 25-jährige Kriegsveteranen des schottischen Regiments Black Watch, die aus dem Irak ins Örtchen Fife, Burkes Heimatstadt und Basis der Black Watch, zurückgekehrt waren. Black Watch ist Schottlands berühmtestes Regiment und ein Familienbetrieb: Jeder kennt jeden. Die 350 Jahre alte Geschichte der Black Watch, ursprünglich ein Highland-Regiment, wird über Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben. Ganze Familien aus Fife haben dort, zum Teil sogar gemeinsam, ihrem Land gedient.
Das britische Verteidigungsministerium hat die Einheit 2004 zum Entsetzen der Schotten mit einer anderen zusammengeschlossen, nachdem es die jungen Männer zuvor in die gefährlichste Region des Iraks geschickt hatte. Damit wurde den Schotten eine Militärtradition genommen, auf die sie sehr stolz waren. Black Watch ist für Schottland eine kulturelle Identität: Die Einheit hat eine eigene Highland-Dance-Truppe, das berühmte «tattoo», die Abendparade mit (Dudelsack-)Musik, Highlight des jährlichen Edinburgh Festival, sowie spezielle kilts und Federpuschelhüte, die sogenannten tam o'shanters. Besonders gerne wird auch davon erzählt, wie die Black Watch mit «pipes and drums» (Dudelsäcken und Trommeln) auf John F. Kennedys Begräbnis gespielt haben.
Gregory Burke, in Fife mit den Soldaten aufgewachsen, begegnete ihnen ohne Vorurteile. Mit der Hilfe einer hübschen Journalistin und einer Menge pints brachte er die jungen Männer in einer lokalen Kneipe zum Reden. Die Kameraden hatten gerade innerhalb von drei Tagen drei ihrer Freunde im Irak verloren. Sie berichteten von der unendlichen Langeweile in der Wüste, von den hundert Zigaretten am Tag, von ihren Zweifeln an ihrer Rolle als Eindringlinge und gleichzeitige Friedensmacher, von der Kameradschaft, vom Heimweh. Mit einer Mischung aus Verzweiflung und schwarzem Humor nennen sie ihren Einsatz im Irak «mission about porn and petrol» (Porno und Benzin).
Auch die zehn männlichen Schauspieler des Theaterabends «Black Watch» verbrachten zahllose Nächte zusammen mit den Soldaten in der Kneipe und wurden von einem Ex-Sergeant- Major mit Liegestützen und Beleidigungen zu Soldaten gedrillt. Trotz der unsanften Behandlung kam ein solches Gefühl der Identität und des Stolzes bei den Übungen herüber, dass ein Schauspieler tatsächlich zur Armee umsatteln wollte.
Standing Ovations
Der Regisseur John Tiffany setzte zusammen mit Stephen Hogett von der Gruppe Grantic Assembly, einem Exponenten des in England beliebten physical theatre, die Interviews und die Geschichte der Black Watch mit viel Multimedia, Körpertheater, soldatischen Liedern, aber auch leisen Szenen brillant um. Hogett zeigt die berührende Kameradschaft und Loyalität der Männer, die nicht für ein Land oder eine Sache, sondern füreinander kämpfen, in besonders körperlicher Weise. (Wegen seiner oft nur männlichen Besetzung wird Hogett in der Szene «Testosteron-Spezialist» genannt.) Lyn Gardner von der Tageszeitung «The Guardian» beschrieb Hogetts Arbeit als «a dirty ballet of pulsating machismo and terrible tenderness» - als schmutziges Ballett von pulsierendem Machismo und schrecklicher Zärtlichkeit. John Tiffany ergänzt Hogett mit fast lyrischen Passagen, während deren die Männer Briefe verlesen, die sie nach Hause geschrieben haben. Als die soldatischen Schauspieler die lange Geschichte der Black Watch nacherzählten und dabei die durch die Jahre wechselnden Uniformen präsentierten, gab es in Edinburg standing ovations, eine Seltenheit bei diesem Festival.
Dem Autor Burke ging es mit seinem Stück, an dem er zwei Jahre lang gearbeitet hat, nicht um ein politisches Antikriegs-Statement, sondern darum, den Burschen aus seiner Heimat eine Stimme zu geben. Er stellt sie weder als Helden noch als ignorantes Kanonenfutter dar, präsentiert sie mit all ihren Widersprüchen, Ängsten und Zweifeln, ohne dem Publikum eine Sicht aufzuzwingen oder in ein - auch liberal-kritisches - Klischee von der working class und dem Soldatenleben zu verfallen. «Black Watch» repräsentiert für die Schotten den Zusammenhalt einer Gemeinschaft, eingebunden in eine lange schottische Geschichte und Tradition, etwas, was ganz ihnen und nicht den Briten gehört. Nun haben sie auch das durch die Engländer verloren. Burkes Stück hat dem Regiment ein Denkmal gesetzt. Die interviewten jungen Soldaten, die sich darum balgten, vom Leinwandstar Ewan McGregor («Trainspotting») gespielt zu werden, waren bewegt von dem Stück, das aus ihrem Leben, ihren Erzählungen entstanden war. Vor allem überraschten sie die Reaktionen des in die ständig ausverkauften Vorstellungen strömenden Publikums: «I thought nobody cared about us», so ein Kommentar. Sogar der aus Edinburg stammende Sean Connery reiste aus Amerika an, um sich das Stück des neuen Nationaltheaters anzusehen. Intendantin Featherstone, die grosse Networkerin, rief ihn sofort an, um ihn als Schauspieler für eine neue Produktion zu gewinnen. Featherstone will die in die USA ausgewanderten schottischen Schauspieler zurück an das nun auch für Stars interessante NTS locken.
Regisseur John Tiffany bekam nach dem überwältigenden Erfolg von «Black Watch» haufenweise Film- und TV-Angebote, die er zunächst ausschlug. Nun zeigt BBC Scotland eine TV- Dokumentation der Inszenierung. Eine Hörspielfassung wurde bereits im letzten Sommer gesendet, im Herbst ging die Inszenierung auf USA- Tournee nach Los Angeles und New York. Die schottische Regierung hat dafür 195 000 Pfund zur Verfügung gestellt. Für 2008 sind Tourneen nach Kanada, Australien und Neuseeland geplant. Und auch ins Londoner Barbican Theatre kommt «Black Watch» im Juni 2008. Die ganze Welt soll Schottlands neu erwachtes Selbstbewusstsein sehen.
Lohn für langes Warten
Nachdem im ersten Jahr des NTS nie auch nur ein einziges Mitglied der spendablen Labour-Regierung, die dieses visionäre, mutige Theater überhaupt ermöglichte, bei einer NTS-Vorstellung gesichtet worden war, spielte die Erfolgsproduktion «Black Watch» vergangenen Juni zur Eröffnung des ersten Schottischen Parlaments mit einer nationalistischen Mehrheit. Sean Connery hatte die Politiker dazu ermutigt: «Es gibt noch keine Filme oder Stücke, die das direkte Erleben der Soldaten im Irak zeigen», sagte Connery. Gordon Brown war leider nicht da und Tony Blair nicht eingeladen.
In einem guten Jahr hat das National Theatre of Scotland Erwartungen und Träume der Schotten erfüllt. Schottische Themen, Autoren und Schauspieler sind in aller Munde und erobern jetzt sogar die Welt. Theater wie das His Majesty's in Aberdeen zeigen seit hundert Jahren das erste Mal wieder eine zeitgenössische Theaterarbeit. In kleinen Orten, wo es nie zuvor Theater gab, spielen nun die erfolgreichsten Produktionen.
«I want to make Scotland proud», sagte Vicky Featherstone zu Beginn ihrer Intendanz im Februar 2006. Die zweihundert Jahre Wartezeit haben sich gelohnt: Schottland kann wahrhaftig stolz auf sein Nationaltheater sein.
Anneli Klostermeier lebt als freie Dramaturgin und Publizistin in Berlin.

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